Ich sehe was, das du nicht siehst …
Eine Sache, die bei mir regelmäßig auf dem Einkaufszettel steht ist Vollkornbrot. Ich versuche, immer eine Packung als Vorrat da zu haben, denn einige dieser Brote sind lange haltbar und so weiß ich, dass es mir nicht ausgeht. Als bei uns der nächste Einkauf bevorstand, bat ich also meinen Mann, das Verfallsdatum für das Brot in unserer Speisekammer für mich zu checken. Er kam mit der Nachricht zurück, dass es kürzlich abgelaufen war. Mist!
Einige Zeit später war ich selbst in der Speisekammer zugange, nahm das Brot in die Hand und siehe da: Es war noch gar nicht abgelaufen, sondern hatte noch einige Überlebenszeit vor sich! Wunderbar, dachte ich. Mein Mann war, als ich ihm davon erzählte, zwar einigermaßen erstaunt, nahm aber mein Urteil hin, dass er sich wohl „verguckt“ hatte.
Wieder verging eine kurze Zeit und wieder brauchte ich zum Kochen etwas aus der Speisekammer. Aber was sah ich da? Im Regal lagen zwei Brote! Eins davon mit noch langer Haltbarkeit und das andere bereits abgelaufen. Da musste ich doch mal lachen!
Dieses Ereignis ist ein Sinnbild dafür, wie leicht wir Dinge in unserem Leben als Tatsache hinnehmen, weil wir sie auf eine bestimmte Weise sehen oder erlebt haben, dem anderen aber das Recht auf seine Wahrnehmung dabei absprechen. So wie ich sofort dachte: Mein Mann hat sich „verguckt“, weil mein Blick auf das Brot fiel, das noch lange haltbar war und ihm damit das „Recht“ auf „seine Wahrheit“ absprach, so passiert es mir auch oft im Leben. Ich sehe die Dinge, wie ich sie erlebe, wie ich sie wahrnehme. Der andere tut aber dasselbe. Im Fall vom Brot hatte jeder von uns Recht. Jeder hat das wiedergegeben, was er mit seinen eigenen Augen gesehen hatte. Nun ist dieses Beispiel vom Vollkornbrot natürlich ziemlich banal, aber wie oft spreche ich dem anderen seine Lebensweise, seine Meinung, seine Wahrnehmung ab, nur weil sie sich nicht mit meiner deckt! Dabei kenne ich das Leben des anderen oft gar nicht, weiß nichts von dem, was ihn geprägt hat, welche Dinge er erleiden musste. Ich kenne oft auch seine Persönlichkeit nicht, das was ihn ausmacht. Das was für den einen im Leben essentiell ist, kann einen anderen krank machen, einfach weil er oder sie völlig anders gestrickt ist.
Wenn wir den Bogen noch weiterspannen, dann ist genau das auch der Grund für viele Konflikte in unserer Welt. Da aber Veränderung immer zuerst mit mir beginnt, hier ein Appell an mich selbst beim nächsten Mal dem anderen seine Wahrnehmung nicht gleich abzusprechen, sondern sie stehen zu lassen. Denn, wie hat es Jesus so schön formuliert:
Behandelt die Menschen so, wie ihr von ihnen behandelt werden möchtet.
Lukas 6,31 (HfA)