Geführt

Vor einiger Zeit bin ich ein wenig in die Vergangenheit meiner Familie väterlicherseits eingetaucht. Grund war eine Anfrage von Verwandten aus Canada, die ihrerseits Forschungen zu ihren Vorfahren anstellten.  Bei meinen Recherchen stieß ich nicht zum ersten Mal auf ein handgeschriebenes Manuskript meiner 2008 verstorbenen Tante.
In Bessarabien (im heutigen Moldawien) geboren, erlebte sie mit ihren Eltern hautnah die Flucht nach Deutschland mit, die sie als Ursprungsdeutsche im Zuge der „Heim ins Reich“ Aktion unter Hitler erleben und erdulden mussten. Ich fand es mehr als spannend und auch oft erschütternd, was meine Großeltern und ihre Kinder damals ertragen haben. Durch diese formulierten Erinnerungen wurden sie, die ich zwar bis zu ihrem Tode gekannt hatte, mir aber doch irgendwie fremd waren, zu tatsächlichen Menschen. Menschen, die genau wie ich Ängste durchlebt haben – wenn auch an manchen Stellen auf eine Art, die unfassbar viel schwerer war. Menschen, die ihre Zweifel und Fragen hatten, die Sorge um das Leben ihrer Lieben und ihre Versorgung hatten, Menschen, die sich an Gott festhielten und doch auch an seiner guten Hand zweifelten, weil der Verlust kaum noch zu ertragen war. Es sind Menschen, die mein Leben mit geprägt haben, auch wenn ich (im Fall meiner Großeltern) nur punktuell mit ihnen Berührung hatte. An mehreren Stellen in dem Bericht wurde klar, dass nicht viel gefehlt hat, und ihr Leben – und damit meines – hätte eine völlig andere Wendung nehmen können.

Dieses Eintauchen in die Familiengeschichte hat mich nachdenklich gemacht. Meine Großeltern standen in dieser schwierigen Zeit vor Herausforderungen und Entscheidungen, deren Ausgang sie nicht absehen konnten. Oftmals wurde ihnen die Entscheidung auch einfach aus der Hand genommen, weil sie Weisungen befolgen mussten. Aber sie haben erlebt, dass Gott sie in dem ganzen Chaos nicht aus dem Blick verloren hat. Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten. Psalm 32,8. (nach © Luther). Manchmal war es so dunkel, dass sie nur noch auf die Knie gehen konnten, um Gott anzuflehen. Ein andermal haben sie sich mit Liedern gegenseitig ermutigt. Aber, auch wenn der Weg extrem schwierig war, sie haben die Erfahrung gemacht, dass Gottes Blick sie leitete.

Ich will daraus Mut schöpfen für mein Leben. Wie viele Entscheidungen habe ich oder haben wir als Ehepaar bereits in unserem Leben gefällt? Wenn ich heute zurückschaue, dann wundere ich mich oft, was aus diesen Entscheidungen entstanden ist an Gutem, an Segen. Und genau das will ich mir ins Gedächtnis rufen, wenn die nächste Entscheidung ansteht und ich mich fühle wie ein Blinder, der eine Farbe wählen soll: Gott ist es, der mein Leben gelenkt hat, lange bevor es mich gab und er ist es auch, der mich führen wird, an jedem Tag der vor mir liegt.

 

Die Übermittlung kann ein wenig Zeit in Anspruch nehmen. Danke für deine Geduld.