Rettungsversuch
An einem Nachmittag machte ich mich auf, um mit dem Rollstuhl eine kleine Spazierfahrt zu unternehmen. Das Wetter war ganz nett und so fuhr ich den geteerten Weg vor unserem Haus entlang. Schon von weitem sah ich weiter vorne auf der Straße etwas, das wie ein Vogel aussah. Beim näher Heranfahren bemerkte ich, dass es tatsächlich ein Vogel war und kein kleiner. Ich näherte mich immer weiter, aber das Tier machte keine Anstalten wegzufliegen. Seltsam, dachte ich, da stimmt doch was nicht! Der Greifvogel – ein Turmfalke, wie sich herausstellte – saß auf seinen Fängen, schien nicht verletzt zu sein und wendete seinen Kopf in meine Richtung. Da mein Mann nicht zuhause war, rief ich einen Nachbarn zur Hilfe. Wir beschlossen ihm etwas Zeit zu geben, während ich Wache hielt, um zu verhindern, dass ein Auto über den Falken fährt oder eine Katze ihn angreift.
Aber auch nach einiger Zeit unternahm der Vogel keinen Versuch wegzufliegen. Irgendwann telefonierte ich also schließlich mit der Wildtierhilfe, die mir riet, den Vogel mit Hilfe eines Handtuchs an den Ortsrand zu tragen und auf einen Baum zu setzen. Mein Nachbar nahm vorsichtig den Turmfalken hoch und wir trugen ihn auf einen Ahorn in unseren Garten – denn mein Mann und ich leben praktischerweise am Ortsrand. Da saß er dann auf einem Ast und wir hatten den Eindruck, den Vogel damit in Sicherheit gebracht zu haben. „Hoffen wir, dass uns später im Alter auch mal jemand hilft, wenn wir es brauchen.“ Mit Worten wie diesen wandte sich mein Nachbar irgendwann zum Gehen.
Ein für mich überraschender Satz an dieser Stelle. Jesus sagt es mit diesen Worten: „Behandelt die Menschen stets so, wie ihr von ihnen behandelt werden möchtet.“ … Matthäus 7,12 HfA
Ich kenne Menschen in meinem Umfeld, von denen ich den Eindruck habe, dass sie diesen Satz zumindest in Bezug auf praktische Hilfe sehr viel besser umsetzen als ich. Allerdings muss ich zu meiner Verteidigung sagen, dass das mit dem praktischen Anpacken bei mir aufgrund der Erkrankung an vielen Stellen nicht oder nur schlecht möglich ist. Aber wenn ich die Hilfe und Fürsorge anderer erlebe, dann empfinde ich das als riesigen Segen und bin dankbar dafür.
Ja, ich möchte die Augen dafür offenhalten, wo ich anderen helfen kann. Wo ich sie mit Würde und Respekt behandeln kann, egal wer sie sind, woher sie kommen, wie sie drauf sind. Denn auch ich möchte mit Würde und Respekt behandelt werden.