Was wäre, wenn …
Während ich so meine Trainingsrunden mit dem Rollator ums Haus spaziere, stelle ich mir plötzlich diese Frage: Was wäre, wenn ich grundsätzlich damit aufhören würde, Erwartungen an andere Menschen zu haben?
Wie ich darauf komme? Nun, vorausgegangen war dieser Frage mal wieder eine Zeit, in der ich Dinge angestoßen hatte – zum Beispiel Kontakte geknüpft und Grüße verschickt – und teilweise keine Antwort darauf bekam oder erst nach sehr langer Zeit. Das enttäuschte mich und in manchen Fällen verletzte es mich auch. Und so versuchte ich zu erforschen, was hinter meiner Enttäuschung eigentlich steckt. Warum nur bin ich enttäuscht und verletzt, wenn andere nicht auf meine Bemühungen reagieren? Die Antwort, die mir daraufhin kam, lautete: Erwartungen. Ich tue etwas und erwarte dann vom anderen eine bestimmte Reaktion. Ich erzähle dem anderen etwas und erwarte dann, dass sein Feedback darauf, meinen Erwartungen entspricht und er die Details auch noch bei unserem nächsten Gespräch kennt. Ich bin in Not und erwarte, dass der andere sich nach meinem Befinden erkundigt. Der andere trifft eine Entscheidung und ich bin darüber enttäuscht, weil er die Entscheidung getroffen hat, ohne mich, der ihn doch so gut kennt, vorher zu konsultieren. Diese Liste ließe sich unendlich lange fortsetzen. Am Ende meiner Erwartungen steht auf jeden Fall immer dann eine Enttäuschung, wenn die Reaktion nicht so ausfällt, wie ich es erwartet hatte.
Aber, was bringt mir das? Viel Schmerz, viel Wut und in manchen Fällen sogar Tränen. Deshalb stellte ich mir also diese Frage: Was würde passieren, wenn ich aufhören würde, bestimmte Erwartungen an andere Menschen zu haben? Die Antwort auf diese Frage löst in mir ein Gefühl der Befreiung aus. Denn: Wenn ich Dinge tue – also beispielsweise Grüße verschicke – ohne eine Erwartung damit zu verbinden, dann kann ich schlichtweg nicht enttäuscht werden. Wenn der andere nicht auf meine Nachricht oder E-Mail reagiert, bin ich nicht enttäuscht, weil ich ja gar nicht die Erwartung hatte, dass er es tun müsste. Tut er es doch, freue ich mich einfach darüber.
Zu kompliziert? Nun, dann starte einfach mal den Selbstversuch. Das nächste Mal, wenn du merkst, dass du enttäuscht über eine Nichtreaktion des anderen bist, frage dich, ob du nicht vielleicht eine Erwartung an den anderen hattest, die er aus welchen Gründen auch immer im Moment nicht erfüllen wollte oder konnte. Und dann gehe einen Schritt zurück, hole tief Luft und verabschiede dich von dieser deiner Erwartung. Diese Freiheit darfst du dir selbst wert sein!